Von sieben Teams im Gründungsjahr 1993 ist die Liga
im Jahr 2005 auf 25 Teams angewachsen und ein Ende ist nicht abzusehen. Die
Liga boomt und sie verjüngt sich rasant. Neben den in Ehren ergrauten Veteranen
und den immer häufiger anzutreffenden Jungvätern in den Dreißigern, verbringen
zur Zeit ein knappes halbes Dutzend Teams mit Spielern unter 18 Jahren ihre
fußballerische Freizeit bei uns (die jüngsten sind 14 Jahre alt und haben
teilweise schon ihre Lehrer in der Liga gesichtet). Daher ist es kein Wunder,
wenn sich irgendwann Generationsunterschiede bemerkbar machen, die sich durch
anstößige Verhaltensweisen äußern.
Für einige von uns scheint es recht merkwürdig, dass wir so etwas brauchen könnten wie ein schriftlich fixiertes Selbstverständnis. Denn das klingt zu sehr nach Regeln und Statuten, ja im schlimmsten Fall vielleicht sogar nach Strafandrohungen und nichts fürchtet der geniale Fußballer schließlich mehr, als ein einzwängendes Korsett aus verbindlichen Vorgaben. Natürlich wissen die alten Hasen der Liga mittlerweile warum und wie sie miteinander spielen wollen, ohne, dass sie dies je schwarz auf weiß festgehalten hätten. Doch andererseits gibt es nicht wenige, die entweder ihrem Gedächtnis nicht mehr uneingeschränkt trauen können oder die einfach neu in der Liga sind und die deshalb die Rituale und Verhaltensnormen nicht einwandfrei beherrschen. So ist es an der Zeit, den Schwankenden und vor allem den vielen Neuen ein paar wichtige Informationen über den diffizilen Beziehungs- und Verhaltenskomplex, in dem sie sich bewegen, an die Hand zu geben.
Jedes Team durchläuft in der Wilden Liga
unweigerlich eine besondere Sozialisation. Diese vollzieht sich in jahrelang
geübter Abgrenzung von DFB-Statuten und Vereinsmeierei. Für nicht wenige grenzt
es gar an einen Kulturschock, wenn sie gezwungen werden, das Spiel mit dem Ball
ohne Schiedsrichter zu bestreiten, denn das heißt: Probleme mit dem Gegner
müssen mit diesem während des Spiels auf friedliche Art und Weise geklärt
werden, für manchen eine echte Herausforderung! Übertriebener Ehrgeiz oder
Rechthaberei, Attribute, die im Vereinsleben nicht selten vorkommen, sind da
eher hinderlich.
Das Folgende soll helfen, sich in der Wilden Liga
besser zurecht zu finden. Es ist quasi eine Einführung in den schwer zu
durchschauenden und nie perfekt zu beherrschenden Verhaltenskodex, der den
meisten Teams bereits so sehr in Fleisch und Blut übergegangen ist, dass sie
häufig nicht mehr in der Lage sind, Fragen danach auf Anhieb zu beantworten.
1.
Was ist die Wilde Liga Bremen?
Es wird behauptet, die Wilde Liga sei die
Sammelstelle für Sportinvaliden, für im Verein zu kurz Gekommene, für sozialistische
Weltverbesserer oder für Schönwetterfußballer. Das ist gar nicht so falsch,
aber auch nicht ganz richtig, denn eigentlich ist sie der Hort aller
Fußballinfizierten, die im Vereinswesen keine Zukunft sehen und die dennoch regelmäßig kicken wollen. Dabei
wird großer Wert auf körperliche Unversehrtheit nach dem Spiel und Spaß beim
Spiel gelegt.
Die Tatsache, dass am Ende der Saison sowohl ein
Meister als auch ein Pokalsieger gekürt wird, sollte nicht überbewertet werden,
auch wenn es für einige der Höhepunkt ihres Fußballerlebens ist und emotional
höchstens noch vergleichbar mit dem Double von Werder Bremen.
2. Wie wird miteinander gespielt ?
Gespielt wird nach dem Motto: Erlaubt ist, was gefällt und dem Anderen (seltener: der Anderen) nicht schadet (frei nach Rosa Luxemburg). So ist z. B. eine einheitliche Spielkleidung ein Kann, aber kein Muss. Auch der nackte Oberkörper darf gezeigt werden, sei es aus Ekstase über ein erzieltes Tor, in Ermangelung eines Trikots oder um seine exhibitionistischen Neigungen auszuleben. Ebenso verhält es sich mit der Festlegung der Spielzeit (z.B. weniger als 90 Minuten, wegen plötzlichem Einbruch der Dunkelheit) oder auch im Bezug auf die Anzahl der Feldspieler (ist ein Team nicht komplett, wird es schon mal vom Gegner aufgefüllt).
Wenn zwischen den Teams nichts anderes vereinbart wurde, gilt für den Spielablauf das DFB-Regelwerk mit Ausnahme der Passiv-Abseits-Regel, denn die wird selbst von den Bundesligaprofis nicht verstanden. Kommt es zu einem abweichenden Verhalten von den DFB-Regeln (immer gern gesehen: ein falscher Einwurf), wird meist ein Auge zugedrückt, solange sich das ausführende Team dadurch keinen Vorteil verschafft. Schließlich sollen auch die schlimmsten Grobmotoriker die Möglichkeit haben, mitzuspielen.
Bei Uneinigkeit über einen möglichen Regelverstoß versuchen sich beide Teams sportlich-fair zu einigen. Da es keinen Schiedsrichter gibt, geschieht dies meistens durch eine sachbezogene Diskussion, auch Rudelbildung genannt. Kommt es zu Ausrastern einzelner Spieler, werden diese ganz schnell vom eigenen Team des Platzes verwiesen, denn jedes Team möchte natürlich vermeiden, als Chaoten oder Hooligans beschimpft zu werden.
Da es meistens keinen verbindlichen Spielplan gibt, werden die Spieltermine einvernehmlich zwischen den gegnerischen Teams festgelegt und es wird alles versucht (wirklich alles!), sie einzuhalten. Spielabsagen erfolgen rechtzeitig, damit das gegnerische Team eventuell noch einen Ersatzgegner findet und sich am extra freigehaltenen Sonntag nicht mit sich selbst beschäftigen muss. Verpennt ein Team seinen Spieltermin oder vergisst ihn abzusagen, haben sie das Spiel normalerweise verloren (gleiches gilt in der Regel bei einer Absage innerhalb von 48 Stunden bis Spielbeginn), es sei denn, das gegnerische Team stimmt aus Sympathie für die Loser einer Neuansetzung zu.
3. Wann gibt es Mecker?
Trotz vieler Freiheiten im Umgang miteinander, gibt es einige Sachen, die absolut verpönt sind. So sind aktive Vereinsspieler in der Wilden Liga nicht gern gesehen. Sie gelten als nicht ausreichend sozialisiert. Trifft man sie trotzdem an und sind sie auch noch auffällig geworden (z. B. durch das Erzielen des spielentscheidenden Tores), so darf man sich nicht wundern, wenn das gegnerische Team extrem sauer reagiert. Zudem hat sich gezeigt, dass es häufig sehr schwierig ist, mit solchen Teams Termine abzusprechen, auch Spielabsagen sind leider keine Seltenheit.
Fallen die Vereinsspieler allerdings nicht weiter auf, haben sie Glück gehabt und sollten ihren Makel lieber für sich behalten. Sie gelten dann augenscheinlich als akzeptiert. Gleiches gilt für aktive Betriebssportler. Denn warum sollte man die so wunderbar geordnete Welt des Fußballs durcheinanderbringen? Also: Vereinsspieler in ihre Vereine, Betriebssportler in ihre Betriebe und der Rest in die Wilde Liga.
Teams, die ohne die eben genannte Frischzellenkur nicht auskommen oder sich aus anderen schwerwiegenden Gründen als nicht resozialisierbar erweisen und sich dadurch den permanenten Unmut der Liga zuziehen, verschwinden auch schon mal sang- und klanglos aus dieser.
4. Wo kann man regelmäßig seinen Frust ablassen und
trotzdem noch nett ein Bierchen trinken?
Um den Überblick über die Wilde Liga zu behalten, treffen sich die Vertreter der Teams einmal im Monat in der Kneipe. Bei diesen Zusammenkünften werden Spieltermine abgesprochen, organisatorische Fragen geklärt und der aufgestaute Frust über einzelne Teams abgelassen. Sind gravierende Probleme aufgetaucht, versucht diese Ältestenversammlung eine Lösung zu finden. Im Extremfall kann es zum Ausschluss eines Teams kommen.
Dieser Extremfall ist in der Liga-Geschichte allerdings noch nie eingetreten, da sich bisher noch immer ein Gutmensch fand, der fünf vor zwölf emphatisch für das vom Ausschluss bedrohte Team in die Bresche sprang und an das Gute im Menschen appellierte, sodass der Rest der Liga betroffen zu Boden blickte und nicht wagte, den Daumen endgültig zu senken.
Hat es jedoch in den Augen der Liga-Mehrheit ein Team zu toll getrieben, weil es sich aus verschiedenen Gründen über die Maßen unfair verhalten hat, so wird häufig ein viel subtilerer Weg als der Liga-Ausschluss gewählt. Mit dem betroffenen Team werden einfach keine Spieltermine mehr abgemacht. Es fliegt dadurch am Ende der Saison wegen Unterschreitung einer vorher festgelegten Mindestzahl an absolvierten Spielen automatisch aus der Wertung. Dies zeitigt dann auch meistens das gewünschte Ergebnis: Das mit Nichtbeachtung gestrafte Team zieht sich freiwillig aus der Liga zurück, da es keine Spielpartner mehr findet.
Diese Art der Konfliktlösung hat ihre historischen Wurzeln in der Friedensbewegung, der sich viele noch immer emotional verbunden fühlen. Statt Auge um Auge und Zahn um Zahn (es wurde ja bereits erwähnt, dass körperliche Attacken in der Liga verpönt sind), greift hier das Prinzip des passiven Widerstandes, und bisher hat noch jedes Team diese erzieherische Maßnahme verstanden.
Da immer wieder Teams aufhören und neue dazukommen,
gelten die auf den Liga-Treffen gefassten Verabredungen meistens nur für die
laufende Saison. Jedes neue Team hat somit die Gelegenheit, gestalterisch in
den Ablauf der Wilden Liga einzugreifen. Um die eigenen Vorstellungen
durchzusetzen, reicht schon die einfache Mehrheit der gerade anwesenden Teams.
Das nennt man gelebte Demokratie, unkompliziert, aber nicht immer reibungsfrei.
Natürlich
erhebt diese - rein subjektive - Darstellung keinen Anspruch auf
Vollständigkeit. Einzelne Spieler werden einwenden, manches sei falsch
dargestellt. Kein Wunder, versucht man, ein so komplexes und jeder Beschreibung
spottendes Gebilde wie die Wilde Liga in Worte zu fassen, kann man nur
scheitern. Wer die Wilde Liga richtig verstehen will, muss eben in ihr leben.
Alles andere ist nur Hörensagen. Trotzdem hofft der Autor dieser Zeilen, das
schwer Begreifbare etwas erhellt zu haben.
Jens (Konditionskombinat), 10.12.2005